Zwitschern wie Nokia – einige Vogelporträts

Im Gegensatz zur Entwicklung des Vogelgesangs hinkt die Evolution der Flugrouten, Abflugzeiten, Brutgelegenheiten und des Nahrungsangebots der veränderten Landwirtschaft und dem Klimawandel und seinen Folgen hinterher, wie man an diesen Beispielen sehen kann:

Auerhuhn (Tetrao urogallus), Foto Siga

Das Auerhuhn (Tetrao urogallus) lebt in unberührten Bergwäldern Europas und Asiens mit einer hohen Menge an Blaubeeren, die seine hauptsächliche Nahrung sind. Da solche Wälder in Deutschland aber kaum noch existieren, ist es hier vom Aussterben bedroht. Schwer zu schaffen machen ihm beispielsweise der Tourismus und die intensive Forstwirtschaft in Form von Fichten-Monokulturen.

Rebhuhn (Perdix perdix), Foto Julia Adamson

Auch das Rebhuhn (Perdix perdix), ein einst häufiger Feldvogel, der sich von Samen und Kräutern ernährt, muss hierzulande mittlerweile als stark gefährdet angesehen werden. Die Zerstörung seines Lebensraumes hatte zur Folge, dass der europäische Bestand seit 1980 um ganze 94 Prozent geschrumpft ist. Hauptverantwortlich waren die Bepflanzung der Felder mit Monokulturen und der Einsatz großer Landmaschinen. Trotz der dramatischen Situation wird die Jagd auf das Rebhuhn in mehreren Bundesländern auch heute noch betrieben.

Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria), Foto Andrej Chudý

Der Goldregenpfeifer (Pluvialis apricaria) ist ein moorbewohnender Allesfresser. Im Winter zieht er innerhalb Europas in mildere Gegenden. Die Trockenlegung der Moore und der Torf-Abbau sind ihm in Europa zum Verhängnis geworden, so dass er vom Aussterben bedroht ist.
Der Goldregenpfeifer ist ein sehr schneller Flieger. Ein kurioses historisches Detail ist, dass ein Streit über seine Geschwindigkeit der Anlass dazu war, das erste Guinness-Buch der Rekorde zu veröffentlichen.

Haubenlerche (Galerida cristata), Foto Artemy Voikhansky

Die erwachsene Haubenlerche (Galerida cristata) frisst die Samen von Wildpflanzen, ihre Jungen dagegen sind auf Insekten angewiesen. Sie brütet in Europa, Afrika und im kälteren Asien, von wo sie im Winter in wärmere Regionen zieht. Der europäische Bestand ist seit 1980 um 98 Prozent eingebrochen und jetzt vom Aussterben bedroht. Das liegt daran, dass Brachflächen wie das Tempelhofer Feld immer seltener werden. Auf bebauten Feldern gibt es wegen der Umweltgifte zu wenige Insekten für die Jungen und zu wenig verschiedene Samen für die Eltern.

Moorente (Aythya nyroca), Foto Martin Mecnarowski

Die Moorente (Aythya nyroca) ernährt sich überwiegend von Wasserpflanzen. Ihr Brutgebiet ist Osteuropa bis Zentralasien, zum Überwintern zieht sie vor allem ans Schwarze und Kaspische Meer. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie noch einer der häufigsten Vögel in ihrem Verbreitungsgebiet, seitdem hat der Bestand stark abgenommen; in Deutschland ist sie inzwischen vom Aussterben bedroht. In vielen Gewässern wurden Graskarpfen zur Unkraut-Beseitigung ausgesetzt, die ihnen die Nahrung wegfressen; außerdem werden viele Enten auf ihrer Wanderung abgeschossen, und Seen trocknen verstärkt aus als Folge der Landwirtschaft, wie z.B. der Aralsee durch den Baumwoll-Anbau.

Kiebitz (Vanellus vanellus), Foto Andreas Trepte, http://www.photo-natur.net

Die Nahrung des Kiebitz (Vanellus vanellus) sind Insekten und andere Wirbellose. Er brütet in Europa und den gemäßigten Zonen Asiens und zieht im Winter nach Süden – bzw. unsere Population nach Westeuropa und zum Mittelmeer. Dort bekommt er mit, dass durch den Klimawandel der Frühling früher beginnt und fliegt entsprechend früher zurück. Eine andere Folge des Klimawandels ist aber, dass das Wetter langsamer von Ort zu Ort wandert. An einer Stelle gibt es wochenlang Sonne, an einer anderen gibt es duch Dauerregen Überschwemmungen. Wenn manchmal nach dem Beginn des Frühlings der Winter nochmal für viele Wochen einbricht, sterben die jungen Pflanzen und Insekten und mit ihnen die also doch zu früh zurückgekehrten Zugvögel.
Der Kiebitz lebt häufig auf Feldern. In den letzten Jahren kam es zu immer größeren Feldern mit immer weniger Arten, mehr giftigen Chemikalien und damit weniger Insekten zum Fressen.
Der deutsche Bestand schrumpfte allein zwischen 1975 und 1999 um 60 Prozent und gilt nun als stark gefährdet.

Turteltaube (Streptopelia turtur), Foto David King

Die Turteltaube (Streptopelia turtur) frisst Kleintiere und Pflanzensamen, zum Beispiel vom Erdrauch. Ihr Brutgebiet ähnelt dem des Kiebitz, doch fliegt sie zum Überwintern bis nach Südafrika. Auf den Feldern wurden Pflanzen wie der Erdrauch immer seltener; dadurch nahm in Mitteleuropa auch die Anzahl der Turteltauben in 25 Jahren um 62 Prozent ab, so dass sie nun stark gefährdet sind. Außerdem werden jedes Jahr viele abgeschossen, wenn sie über das Mittelmeer fliegen.
Da die Turteltaube anders als der Kiebitz die Sahara überquert, merkt sie dort nicht, dass der Frühling in Europa nun jedes Jahr früher beginnt. Wenn sie hier ankommt, ist die Entwicklung der Natur schon so weit fortgeschritten, dass die meisten Raupen und Pflanzensamen schon zu Schmetterlingen und Keimlingen geworden sind. Dadurch ist zu wenig Nahrung für die Jungvögel da, so dass sie dann im nächsten Jahr oft zu schwach sind, um selbst den langen Weg über die Sahara zu schaffen.
Hinzu kommt, dass Afrika durch das wärmere Klima immer trockener wird. Die Sahara hat sich schon um 300 km weiter nach Süden ausgebreitet. Der Weg der Turteltaube wird also immer weiter. Weil südlich der Sahara wegen der Trockenheit immer weniger wächst, muss sie viel länger Futter suchen als früher, bis sie stark genug ist für den Rückflug. Deswegen kommt sie umso später hier wieder an.

Wendehals (Jynx torquilla), Foto Arnstein Rønning

Der Wendehals (Jynx torquilla) ist, ganz untypisch für europäische Spechte, ein Zugvogel. Zum Überwintern zieht er bis südlich der Sahara. Er frisst fast ausschließlich Ameisen und lebt in Baumhöhlen, die vorher von anderen Spechten angelegt wurden. Dabei bewohnt er offenes Gelände wie Streuobstwiesen und meidet Wälder. Solche offenen Landschaften werden aber immer seltener. Der Bestand in Europa nahm ab den Sechziger Jahren rapide ab; zwar beginnt die Art sich inzwischen zu erholen, ist aber noch immer stark gefährdet.

Weißstorch (Ciconia ciconia), Foto André Karwath

Im Winter fliegt der Weißstorch (Ciconia ciconia) über die Sahara und weiter bis nach Südafrika. Er frisst unterschiedliche Kleintiere. Obwohl es inzwischen wieder mehr Störche in Deutschland gibt, ist die Art immer noch gefährdet: Statt Sümpfen und Wiesen gibt es heute zu viele Felder.
Weil sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu wenig Nahrung finden, überwintern immer mehr Störche auf Mülldeponien z.B. in Spanien. Das macht sie stärker für ihren umso kürzeren Rückweg. Störche werden aber in Afrika benötigt, um die Heuschrecken zu fressen. Wenn die Störche gar nicht mehr in Afrika ankommen, kann es passieren, dass sich die Heuschrecken ungehindert ausbreiten und Natur und Felder abfressen. Wenn zu viele Pflanzen daran sterben, halten sie die Erde nicht mehr mit ihren Wurzeln zusammen. Dann wird der Boden weggespült; dort kann nichts mehr wachsen. So wächst die Wüste.

Nachtreiher (Nycticorax nycticorax), Foto Mike and Chris

Der Nachtreiher (Nycticorax nycticorax) kommt auf fast allen Kontinenten vor; im Norden seines Verbreitungsgebietes ist er ein Zugvogel, der im Winter nach Afrika und Südasien bzw. (die nordamerikanische Population) nach Mexiko fliegt. Die Art ist sehr sozial und lebt auch mit anderen Reiherarten zusammen. Die Nahrung wird nachts gesucht und besteht aus allen möglichen Tieren. Weil man den Nachtreiher für einen unersättlichen Fischfresser hielt, sah man ihn als Schädling und schoss ihn in großer Zahl ab. In Deutschland hat er sich davon bis heute nicht erholt und ist stark gefährdet. Der Klimawandel bedeutet ebenfalls ein massives Problem, denn auf seiner Wanderung muss er die immer weiter wachsende Sahara überwinden.

Rauchschwalbe (Hirundo rustica), Foto Malene Thyssen

Die europäischen Rauchschwalben (Hirundo rustica) ziehen im Winter bis südlich der Sahara und von dort weiter bis nach Südafrika. Kehren sie dann wieder zu uns zurück, werden sie als die klassischen Frühlingsboten gesehen. Jedoch ist selbst dieser allbekannte Vogel inzwischen gefährdet. Während die Umstrukturierung der Landschaft den Schwalben bessere Nistmöglichkeiten bot, führten andererseits intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden zu einem Insektensterben, das ihnen die Nahrungsgrundlage entzog. Weiter verschärft wurde ihre Situation, als im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 der südafrikanische Flughafen nahe Durban massiv ausgebaut wurde, denn genau dort hatte sich ein Rastplatz der Schwalben etabliert, den 8 Prozent der gesamten europäischen Population nutzten! Wie für alle Zugvögel, die die Sahara überfliegen, ist das Phänomen der schnell wachsenden Wüste ein weiteres ernstes Problem.

Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea), Foto Andreas Trepte, http://www.photo-natur.net

Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) fängt vor allem Fische. Sie brütet in der Arktis und überwintert in der Antarktis, damit legt sie den weitesten Weg von allen Zugvögeln überhaupt zurück. An der norddeutschen Küste ist sie aktuell vom Aussterben bedroht.
Fast alle Meeresfische sind dramatisch seltener geworden, weil das Meerwasser inzwischen zu warm für sie ist und weil massenhaft Plastikmüll ins Meer gespült wird. Deswegen sterben auch viele Meeresvögel, weil sie zu wenig Fisch finden oder Plastikteile fressen, die sie mit Fischen verwechseln.
Da die Arktis außerdem am stärksten vom Klimawandel betroffen ist, sind die Seeschwalbe und andere Vögel, die in der Arktis brüten, besonders in Gefahr. Manche, wie zum Beispiel die Nonnengänse, haben versucht, sich an die veränderten Jahreszeiten anzupassen. Bei der Rückkehr in die Brutgebiete fliegen sie nun schneller und machen weniger Pausen. Danach sind sie aber so schwach, dass sie sich erst erholen müssen, bevor sie die Jungen ausbrüten können. So verpassen auch die Gänseküken den kurzen arktischen Frühling und finden zu wenig Pflanzen zum Fressen, um später auch kräftige Zugvögel zu werden.

Übersicht – Liste mit allen gefährdeten Brutvögeln Deutschlands

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